Donnerstag, 13. Juli 2017

Ein Erfahrungsbericht und ein Essay !



Einige von meinen Kundinnen / Freundinnen / Interessenten waren auch auf Facebook mit mir verbunden. Seit vergangenem Wochenende gibt es mich nicht mehr auf Facebook.
Das Foto zum Abschied war als Symbolfoto gedacht - ich nehme meinen Hut und verabschiede mich.

Der Großteil des Facebook´schen Freundeskreises hat meinen Entschluss sehr gut verstanden. Einem kleinen Teil war es rätselhaft, wieso man die Einstellungen auf Facebook nicht dahingehend ändert, dass man nur das sieht, was man auch sehen will. Und einem weiteren kleinen Teil war ich als Person wohl etwas rätselhaft mit meinem Entschluss *grins* .

Ich will hier von meinen Erfahrungen auf Facebook die letzten 5 Jahre berichten:

Ursprünglich bin ich Facebook beigetreten, weil ich mich mit Menschen verknüpfen wollte, die ich nur sehr selten sehe, die man von diversen Veranstaltungen / Kursen kennt und natürlich auch mit Freunden, mit denen man sich gerne auch privat umgibt. Weiters hab ich bei meinen Ausbildungen oder Akademien viele Menschen getroffen, die weiter entfernt von mir wohnen, beispielsweise Norddeutschland, die Schweiz usw. Mit denen wollte ich wirklich von Herzen gerne verbunden sein.
Es hat sich relativ schnell ergeben, dass man weitere Freundschaftsanfragen bekommt. Nicht zuletzt auch deswegen, weil man diversen (Pferde-)Gruppen beitritt und so auch Sympathien schließt.
Was mir total Spaß gemacht hat an Facebook: man lernt doch tatsächlich Menschen kennen (virtuell), die man auf Anhieb mag. Mit denen man sich gerne austauscht (oft auch über Persönliche Nachricht). Wo die Chemie stimmt, mit denen man virtuell lacht, scherzt....kurz: die einem gut tun.
Weiters gibt es sehr viel (gratis) Informationen in diversen Gruppen. Auch das gratis "bewerben" der eigenen Produkte / Themen / Angebote klappt in Facebook wirklich prima.
Ich kenne auch Menschen, die in Facebook Jobs gefunden haben und total glücklich sind oder UnternehmerInnen, die Jobs ausgeschrieben haben und schnell den passenden Mitarbeiter finden. 

In Windeseile werden Beiträge beinahe weltweit geteilt, verlinkt, verschickt, diskutiert, darüber philosophiert, analysiert .... und..........in aller Öffentlichkeit  zerrissen!

Somit wären wir bei den für mich negativen Punkten von Facebook:
Mit den Jahren ist mir aufgefallen, dass die Aggressivität in den Postings und Kommentaren zunimmt. Es lebt sich völlig ungeniert in dieser nicht-realen Welt. Was man in einem persönlichen Gespräch unter 4 Augen wohl nie so in dieser Art und Weise "sagen" würde, fällt als "Kommentar" in der virtuellen Welt plötzlich ganz leicht - Anonymität ist schon ein Hund.

Da gibt es z.B. die Funktion "Blockieren". Was für ein Tool! Man versperrt einem Menschen quasi den Weg zum Gespräch, zum Austausch, zur konstruktiven Diskussion - auf Knopfdruck in nur wenigen Sekunden ist "Blockieren" machbar.
Ein Beispiel*: ehemalige Kurskollegen, die sich persönlich und von face to face sehr gut verstanden haben; auf Facebook wird dann plötzlich eine höflich formulierte Meinung (z.B. über PN) ein Dorn im Auge der "Kollegin" und - Schwups - wird blockiert. Das gleicht einem Rausschmiss, einem `Tür-vor-der-Nase` zuschlagen. Und einem `mich interessiert deine Meinung Nüsse - ich will nie mehr von dir hören`.  Ich bin mir sicher, manche Menschen würden das im realen Leben auf diese Art und Weise nicht machen. Auf Facebook ist sowas einfach.
Aufpassen muss man, wenn dieser jemand noch Administrator in Gruppen ist. Administratoren haben Macht! Es könnte durchaus passieren, dass man vor dem Button "Blockieren" noch schnell aus den Gruppen des Administrators fliegt, ohne gefragt zu werden. Somit wird man mundtot auf Lebenszeit gemacht. Wer in diversen Gruppen Philosophien hinterfragt, Produkte eines Mitbewerbers empfiehlt oder einfach nicht nach dem Mund des Administrators säuselt, fliegt raus.
Wer weiß, vielleicht gibt es bald auch den Button "Asylantrag" auf Facebook. Möglicherweise öffnen sich dann wieder Türen in solche Gruppen, sofern man Besserung gelobt.

Dann gibt es auch noch die Funktion "Intrigieren". Von Menschen, bei denen man das nie erwartet hätte. Die scheinbar aus dem Nichts anderen Kollegen in den Rücken fallen und sie beinahe - wissentlich -  vor ein finanzielles Desaster stellen.  

Eine weitere Funktion ist "Ignorieren". Kennt ihr die ? Die ist eigentlich witzig.
Ein Beispiel*: jemand postet in einer Gruppe ein Foto und stellt die Frage "Welche Pflanze ist das ? Dürfen die Pferde das fressen ?" ..............
..............könnt ihr vielleicht erraten, was nun folgt ?
Eine wahre Flut an Kommentaren. Gefühlte 389x die selbe Antwort, 241x "nicht giftig", 105x "giftig"........jemand postet in den Kommentaren einen Link mit ausführlicher Beschreibung und Wirksamkeit dieser einen Pflanze - sehr aufschlussreiche Seite -  ..... und wird völlig ignoriert !! Es ist schlicht und ergreifend viel zu viel zum Lesen in diesem einen Link; wer will sich die Mühe machen? Aber "Lesen" wird heutzutage sowieso überbewertet. Fotos und Videos sind gerade der Burner. Strengen auch den Kopf nicht so an.

Habt ihr die Funktion "shit happens" schon entdeckt? Diese kommt zum Tragen, wenn jemand eine Freundschaftsanfrage von "alten Bekannten" bekommt. Von Leuten, die man eigentlich nie mehr in seinem Leben treffen möchte, nicht mal auf der Straße. Schon gar nicht in einem Kaffeehaus und überhaupt schon nicht auf Facebook. Leute, die früher gemobbt, verletzt, gekränkt haben trauen sich plötzlich in der virtuellen Welt den vergangenen Schulkollegen (whatever) eine Freundschaftsanfrage stellen.
Ja sorry, da frag ich mich aber schon ?! Tickt die Uhr noch richtig ?

Oder die Funktion "holy shit" - ja, die gibt es. Wenn man am Vortag Urlaubsdestinationen über das Smartphone sucht, Kleider online shoppen will, Schuhe, Dessous, .....weiß-der-Geier-was! Was wird einem am nächsten Tag auf Facebook angepriesen? Danke, lieber Leser, sehr gut aufgepasst. Ja ist es denn die Möglichkeit?

Aber was ich persönlich am Schlimmsten empfunden habe:
Beim Spaziergang mit dem Hund im Wald, dieses "Pling" in der Hosentasche, dieses "PlingPling" ...dieses unnachgiebige "schau-nach-es-gibt-News!" Unerschütterlich hat´s geplingt........bis ich mich dann hinreissen hab lassen und das Smartphone nahm. Weiter schreitend neben dem Hund, in der frischen Luft, bei herrlichem Wetter, hab ICH nix Besseres zu tun als in mein Smartphone zu schauen! Nur um zu sehen, was Frau B. zu Abend isst, wieviele km Herr K. mit dem Mountainbike geradelt ist, welchen Virus sich Frau Y. eingefangen hat, wieviele Hunde wieder misshandelt in  einer Auffangstation gelandet sind.................
Den Kopf dann doch endlich mal erhoben, nach etlichen Stolperschritten über Baumwurzeln, der Hund irgendwo im Nirwana verschwunden, eine Gewitterfront im Nacken tief im Wald. Ich allein. Mit Social Media. Na immerhin. Ich bin weltweit vernetzt. Wie schön.

Schön ??
Erschreckend!
Man sollte sich mal die Zeit nehmen, um "Zeit-zu-nehmen" (wortwörtlich - also wieviel Zeit verbringe ich auf Facebook?) . Social-Media beim Frühstückskaffee, Facebook in der Kaffeepause im Büro. Beim Mittagessen Pflicht, neben dem Snack am Schreibtisch. Am Nachmittag oder später abends in der Freizeit, Facebook checken ist wichtig, ist IN.

Ich wollte das für mich nicht mehr. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen! 
"Was mache ich da ?"
Diese Bilder in meinem Kopf, diese Postings (Videos), welche mich tagelang verfolgten, dieser Stress, "liken" zu müssen, damit man Freunde nicht vor den Kopf stößt. Dieser Stress, etwas zu versäumen. Dieser Stress, wieder mal was posten zu müssen - immerhin fragt Facebook bei jedem Einstieg "was machst du gerade?" okay, dann postet man halt, und sei es nur `der Namenstag der Hofkatze` zu dem man gratuliert..(ob es die Katze interessiert ?).....
Es wurde mir zunehmend zur Belastung.

Nicht mehr meine Welt, diese Facebook-Welt. Mir fehlte die Empathie, eine zunehmende Gefühlsverarmung war für mich wahrnehmbar.

Zum richtigen Zeitpunkt hab ich dann noch in der Kategorie Fröhliche Wissenschaft ein Buch entdeckt. Von Robert Simanovski - "Die Facebook-Gesellschaft".

https://books.google.at/books?hl=de&lr=&id=oyuoDAAAQBAJ&oi=fnd&pg=PT2&dq=Generation+Facebook:+Welchen+Einfluss+hat+Facebook+auf+uns+Menschen%3F&ots=NHc_LXewKJ&sig=2GmkPpuXYPa7JWJ0V6_bKf6_7Fg#v=onepage&q=Generation%20Facebook%3A%20Welchen%20Einfluss%20hat%20Facebook%20auf%20uns%20Menschen%3F&f=false

https://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/buchkritik/swr2-die-buchkritik-robert-simanowski-facebook-gesellschaft/-/id=658730/did=17901552/nid=658730/hldp6p/index.html

http://www.deutschlandfunkkultur.de/roberto-simanowski-facebook-gesellschaft-narzissmus-der.950.de.html?dram:article_id=359957

Mit Humor und einem gewissen Sarkasmus bietet dieses Buch zwar keine Lösungen an, es gibt auch keinen erhobenen Zeigefinger, aber es regt zum Nachdenken an.

Dies alles sind meine Erfahrungen. 
Mir und meinem Seelenheil hat Facebook mehr geschadet, als genutzt. Möge dies für alle meine (ExFacebook) Freunde nicht so sein. Denn für viele ist Facebook ein tolles Tool, z.B. eine Werbeplattform, ein netter Austausch unter Freunden, eine Informationsquelle........

Und Mark Zuckerberg wird weiterhin vorschlagen, mit wem man sich verknüpfen soll, wird weiterhin vorwurfsvoll fragen, wo ma denn so lang gewesen ist, wenn man 3 Tage mal nicht online ist, wird augenzwinkernd Freundschaften heucheln, wo doch Neid und Missgunst unsere Gesellschaft prägen........

Gestern war ich mit Tochter, Enkelkind und Hund spazieren - ohne weltweite Vernetzung. Ohne "Pling" in der Hosentasche. Ein schöner, ruhiger, angenehmer Spaziergang, mit realer Wahrnehmung. Es ist eine wertvoll verbrachte Zeit.

Eine Freundin hat diese Woche bei einem gemütlichen Zusammensein (face-to-face) zu mir gesagt: "Ich verstehe dich gut, dass du FB verlassen hast. Und weißt du was ? Ich vermisse deine Blogeinträge. Seitdem du bei FB warst, sind diese immer weniger geworden. Fand ich sehr schade."
Ich danke dir von Herzen, du fleißige Blogleserin. Diese Bemerkung hat mir gut getan. Jetzt weiß ich wieder, wo ich hin gehöre.

Ich bin gerne Bloggerin.

*Beispiele / Beschreibungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Orten (Gruppen) und Personen sind reiner Zufall.

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