Sonntag, 19. März 2017

Die Grundbedürfnisse des Pferdes und eine kleine Familiengeschichte


An meinem Blogeintrag vom Jänner anknüpfend hier ein paar Gedanken zu den Grundbedürfnissen des Pferdes.

Jean-Claude Dysli, ein großer Horseman und wunderbarer Trainer, sagte in seinem Video:

„Viele Pferde werden heute gehalten wie Schwerverbrecher. Sie verbringen den Großteil des Tages hinter Gitter, in Boxen. Wenn sie Glück haben, kommen sie für 1-2 Stunden in den Gefängnishof. Oder der Besitzer kommt vorbei, um das Pferd zu reiten.“

Ich stimme ihm zu. Es ist traurig, sich das vor Augen zu führen, wenn man sich über die Grundbedürfnisse des Pferdes informiert.

Zum Thema Equiden finden sich folgende Beschreibungen im Netz:

Das Sozialverhalten ist unterschiedlich. Obwohl sich manchmal Tiere zu Verbänden zusammenfinden, gibt es bei diesen Arten keine dauerhaften Beziehungen zwischen erwachsenen Tieren. Bei anderen Arten (wie Przewalski-Pferd, Berg-, Steppenzebra und verwilderten Hauspferden wie z. B. Mustangs) begleiten ein Hengst, manchmal mehrere Hengste, überwachend und treibend eine Gruppe (von 3 bis maximal 35 Tieren) mit etablierter Rangordnung…..
Die Kommunikation mit Artgenossen erfolgt mittels Gesten, etwa die Haltung der Ohren, des Kiefers oder des Schweifes, aber auch durch Laute. Weiterhin ist nachgewiesen worden, dass Pferde über den Geruch von Kot Informationen über andere Individuen erhalten…..
Pferde haben eine Reihe natürlicher Feinde, dazu zählen in erster Linie große Raubtiere wie Hyänen, Wölfe, Wildhunde und Großkatzen. Sie sind wie viele Huftiere „Fluchttiere“. Der Körperbau der Pferde ist auf schnelles und ausdauerndes Laufen ausgelegt, daher flüchten sie bei Bedrohung. Wenn sie in die Enge getrieben werden, können Pferde auch mit den Hufen treten oder Angreifern schmerzhafte Bisswunden zufügen. Ihre wirkungsvollste Waffe sind die stark bemuskelten Hinterbeine…….

Ich möchte an dieser Stelle allen Lesern den Film „Cloud, der wilde Mustang“ von der renommierten Dokumentarfilmerin Ginger Kathrens ans Herz legen – hier ein kleiner Einblick:


Man wird entführt in die Welt der (Wild)Pferde, wie sie leben, wie sie fühlen, was sie brauchen……
Kurz zur Geschichte in Europa: unter den Haustieren gibt es verschiedene Arten, die schon seit Jahrtausenden zu Arbeits- und Transportzwecken genutzt werden. Dazu zählt in Mitteleuropa neben dem Rind vor allem das Pferd. Seine Haltung begann mit einem deutlichen zeitlichen Abstand zu den klassischen Nutztieren Rind, Schwein, Schaf und Ziege. Rinder waren wie die anderen Haustierarten zunächst Fleischlieferanten, erst später verrichteten sie in der Landwirtschaft Zugarbeit vor Pflug und Wagen. Beim Pferd dagegen stand bereits zu Beginn seiner Haltung die Nutzung seiner Muskelkraft im Vordergrund. Sein Einsatz als schnelles Zug- und Reittier revolutionierte den prähistorischen Personen- und Warenverkehr und führte auch im Kriegswesen zu entscheidenden Veränderungen.

Quelle: Karlheinz Steppan (Archäologie online)

Als kleines Mädchen war ich öfter zu Besuch bei meinem Großvater (1899-1985). Er war Landwirt und leidenschaftlicher Pferdehalter. Schon als 12-jähriger Junge arbeitete er mit Pferden im Winter an der Kutsche. Besorgte Eis vom gefrorenen, nahegelegenen Fluss für die Brauerei (für Kühlzwecke), wohlgemerkt marschierte damals mein junger Großvater neben den Pferden, die Kutsche selber war ja beladen. Um 07:oo Uhr begann damals sein Arbeitstag, gegen Abend, bevor es dunkel wurde, endete der Tag.
Ich zitiere aus seinen Erzählungen: „Unsere Pferde waren Nutztiere, sie waren unsere Arbeitskräfte. Meist haben die Pferde an 6 Tagen die Woche einen Vollzeitjob ausgeführt, im Sommer am Feld, im Winter bei der Holzarbeit. An den Sonn- und Feiertagen hab ich sie dann oft herausgeputzt für Kutschenfahrten an kirchlichen Festtagen, bei Firmungen, bei Priesterweihen…. ich war immer stolz auf meine Pferde, sie waren mein Kapital. Ich habe mich immer gerne selber um die Pferde gekümmert, auch wenn es schon Pferdeknechte am Hof gab. Es war mir immer wichtig, dass die Pferde gesund sind, einen guten Tierarzt für Pferde musste man sich leisten können. So war es meine Pflicht, sie bestmöglich zu pflegen und gesund zu erhalten. Ich habe viel Zeit mit den Pferden verbracht. Gefüttert hab ich ´mit dem Auge` und manchmal hab ich selber Fohlen aus besonders guten Stuten gezogen. Einmal hatte ich ein Pferd, das im Krieg gedient hatte, auf meinem Hof. Es hat wohl so einiges erlebt in den Kriegsjahren ….. ich kann mich noch gut erinnern, dass es sich bei Jagden, wenn geschossen wurde, oder wenn es gedonnert hat, vor dem Pflug gespannt hingelegt hatte und nicht mehr aufstand. Es ging in Deckung! Ich konnte diesem Pferd noch so oft erklären, dass der Krieg vorbei war – es hat alles nichts genutzt. “ mit einem Lächeln im Gesicht hat er liebend gern von diesem einen Pferd erzählt.
Das letzte Pferd am Hof meines Großvaters 1969

Auf meine Frage, ob die Pferde auch auf die Weide kamen und genügend Auslauf hatten meinte er schmunzelnd: „Mädel, Koppeln gab es damals nicht. Man hat die Wiesen gebraucht. Und glaub mir, die Pferde haben so viele Stunden arbeiten müssen am Tag, die waren froh, wenn sie mal im kühlen Stall, gut eingestreut ihre Ruhe hatten.“


Mein Großvater mit einer imposanten Stute, herausgeputzt für eine Kutschfahrt zur Firmung

Nach diesem kurzen Ausflug in die Geschichte des Pferdes als Nutztier, schauen wir uns mal um, was in heutiger Zeit in diverser Literatur oder in Videos über die Pferde als Freizeitpartner steht.
Kommen wir zu den Grundbedürfnissen des Pferdes:
Kurz gefasst sind Pferde: Dauerfresser, Lauftiere, Frischluftfanatiker, sie brauchen Sozialkontakte mit Artgenossen….

- Fressen: Pferde sind Pflanzenfresser, die sich in freier Wildbahn von Gras, Grassamen, Laub, Zweigen etc. ernähren würden. Also viel Rohfaser, eher wenig „Kraftfutter“ und wenig Nährstoffe. Dieses Futter wird über den ganzen Tag verteilt aufgenommen, Pferde bewegen sich langsam und stetig vorwärts bei der Nahrungsaufnahme – das ist übrigens auch auf kleinen Weideflächen zu beobachten. In der freien Natur würde die Herde langsam weiter ziehen und so ca. 20 km / Tag zurücklegen allein für die Nahrungssuche.
Wie sieht das nun bei unseren domestizierten Pferdefreunden aus? Können wir dem Pferd dieses Grundbedürfnis annähernd gewähren? Sind ausreichend große, weitläufige, Weiden vorhanden? Können wir den Pferden Bewegungsanreiz bieten? Ist Wasser in bester Qualität vorhanden?

Übrigens: Zu Zeiten meines Großvaters als Arbeitstier konnte das Pferd am Wegrand vom Gras zupfen, während es z.B. auf die Beladung der Kutsche gewartet hat. Es bekam immer Wasser aus einem extra Eimer und abends Grünschnitt oder Heu und Kraftfutter in Form von Hafer.
Es ist bewiesen, dass fehlerhafte Fütterung/Haltung im Freizeit-/Hobbybereich zu Mangel- oder Überschusserscheinungen bzw. verhaltensauffälligen  Krankheiten führen kann, sowohl psychisch (Koppen, Weben, Missmut, Bissigkeit, Introvertiertheit…) als auch physisch (Magenprobleme, kolikähnliche Anzeichen, Durchfall, Verspannungen…..). Oftmals werden (manchmal durch falsch verstandene Tierliebe oder „Vermenschlichung“) Pferde in heutiger Haltung mit heutiger Leistung überfüttert bzw. ist der Nährstoffbedarf nicht gut angepasst.

- Bewegung: Pferde sind es ursprünglich gewöhnt, sich täglich über lange Strecken im Schritt zu bewegen, um Nahrung aufzunehmen. Bewegungsställe oder Offenställe mit mehreren Fressstationen, Bewegungsanreiz durch „Trails“ mit verschiedenem Futterangebot, sind hier sehr gut. Aber auch Rückzugsmöglichkeiten und Unterstände bei widrigen Witterungsbedingungen sind wichtig.  Ich bin aber auch der Meinung, dass manche Pferde in bestimmten Situationen nicht immer mit Offenställen / Bewegungsställen klar kommen. Ältere Pferde, kranke oder auch sehr rangniedrige Pferde usw. können in Offenställen nicht unbedingt gut aufgehoben sein. Hier muss man beobachten und abwägen.
- Sozialkontakte: Pferde sind sehr soziale, verspielte, neugierige Tiere. Setzt euch mal einen halben Tag auf die Weide und beobachtet eure Pferde. Ein „Pferdetag“ läuft immer ähnlich ab, sie lieben konstante Tagesabläufe und stressfreien Aufenthalt an der frischen Luft. Man kann oftmals die Uhr danach stellen, wann gespielt wird, wann gedöst wird, oder einfach gefressen wird. Sie lieben es, Fellpflege zu machen, mit den Freunden über die Koppeln zu fetzen und Rennspiele zu veranstalten. Sofern die Herde harmonisch ist, wird jeder Tag ähnlich ablaufen. Und da ist es egal, ob es regnet, windig ist, schneit oder die Sonne scheint. Pferde kommen ganz gut klar mit all den unterschiedlichen Witterungsbedingungen. Wir müssen sie nur in ihrer Natur belassen. (Ausnahmen auch hier wieder ältere oder kranke Pferde).
Wenn man bedenkt, dass so ein Tag 24 Stunden hat, wir Menschen unter Tags eher wenig Zeit für unsere Freunde haben, sie aber doch „nutzen“ wollen (Reiten, Turniere, Familien- bzw. Freizeitpartner….) – sind wir es ihnen einfach schuldig, die restlichen 22-23 Stunden ein wunderbares Pferdeleben unter Artgenossen bei artgerechter Haltung an der frischen Luft, bei angepasster Fütterung, zu gewähren. Pferde sind gesellige, neugierige, aufgeweckte Tiere. Eine Partnerschaft mit dem Pferd lohnt sich immer – sie sollte jedoch nicht einseitig sein.

Ich maße mir nicht an, all dies unseren Pferden im Stall bieten zu können, ganz im Gegenteil würde ich gerne noch mehr Fläche zur Verfügung haben und noch mehr Trails und Tracks anbieten können. Genügend Weidefläche / Paddockfläche mit entsprechenden Unterständen usw. sind auch oftmals mit großen Kosten verbunden. Wir sind also ganz schön gefordert.
Und zu diesem Thema frage ich mich: was würde mein Großvater wohl von all dem halten? Ich sehe ihn in Gedanken vor mir sitzen, liebevoll schmunzelnd, in seiner gewohnt ruhigen, geduldigen Art würde er mir erklären: „Mädel, ein Pferd als Hobby oder für den Sport gab es zu unserer Zeit nicht. Manchmal ist die benachbarte Geschäftsfrau, eine elegante und vornehme Erscheinung, mit unseren Pferden ausreiten gegangen. Manchmal auch der Knecht aus Litauen, der wirklich sehr gut reiten konnte und Pferdeverstand hatte. Da konnte man es ahnen, wie schön diese Pferde auch unterm Sattel sich bewegen können und wie arbeitsfreudig sie sind. Aber was artgerechte Haltung und Fütterung in der heutigen, modernen Zeit, für Freizeitpferde, bedeutet, kann ich dir beim besten Willen nicht beantworten.“

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